Laya Yoga: Tantrische Kundalinī Yoga

 

Laya Yoga beschäftigt sich sowohl mit den subtilen Pithas (Cakren, Sitzen oder Zentren) als auch mit den Kräften und Funktionen der Körperinnenwelt. Diese Pithas, Lokalisationsorte der Devatās, sind die sogenannten Cakren. Diese erstrecken sich vom Sahasrara (Scheitelcakra) bis zum Mūlādhāra (Wurzelcakra).

 

Dieser Yoga wird in diversen tantrischen Werken beschrieben. Laya Yoga wird aus einem zweifachen Grunde tantrisch genannt. Man kann ihn in den auf die Cakren hinweisenden Yoga-Upanischaden wie auch in einigen Puranas erwähnt finden. Die Abhandlungen über Hatha Yoga befassen sich ebenfalls mit dieser Thematik. Ähnliche Begriffe finden wir sogar in ausserindischen Systemen, doch sind sie, vermutlich in einigen Fällen, wahrscheinlich indischen Ursprungs.

 

So finden wir beispielsweise im Risaleye haq numa des Prinzen Muhammed Dara Shikoh eine Beschreibung der drei folgenden Zentren: Mother of Brain, das Himmlische Herz (dele muddawar); das Zedern-Herz (dele sanowbari); und dele niloofari, das Lilien-Herz.

 

Laya Yoga ist wegen der Einwirkung auf das Basiszentrum charakteristisch für das tantrische System. Laya Yoga ist der Yoga, der von Kundalinī Śakti und von den sechs Cakren (Shat Cakra) handelt. Kundalinī Śakti repräsentiert die Göttin (devī) Kundalinī. Diese Devī nennt man auch Bhu-Jangi (Schlange), weil im Mūlādhāra rund um den Lingam gewickelt liegt. Diese Kraft befindet sich im Körper normalerweise im Ruhezustand und wird mit der tantrischen Praxis erweckt.

 

Śiva repräsentiert den statischen Aspekt, Śakti die dynamische Wirkkraft des Göttlichen Bewusstseins. Beide sind, wenn sie in sich selbst sind, Eines. Alles ist das Reale, das Veränderliche wie das Unveränderliche. Die Maya Śakti gilt in diesem System nicht als Illusion, sondern sie repräsentiert die Form des Formlosen. Das Universum bzw. die Welt ist ihre Form, und darum sind diese Formen Wirklichkeit.

 

Der Mensch ist, was sein innerstes Wesen betrifft, Śiva also reines Bewusstsein. Der Mensch ist als Seele und Körper, ebenfalls Śakti, also die Weltenmutter. Er ist somit Śiva-Śakti. Das Wort Śakti bedeutet Kraft und stammt von der Wurzel „shak“ (Kraft haben, fähig sein). Das einheitliche Bewusstsein polarisiert in der Schöpfung in einen statischen (Śiva) und einen dynamischen (Śakti) Aspekt. Dieser Yoga strebt die Aufhebung der Dualität an. Śakti ist Śiva in seinem aktiven Aspekt. Durch diese Kraft wird die Erweckung der Kundalinī Śakti vollzogen.

 

Wenn man diese verwirklicht, verschmilzt die individuelle Kundalī Śakti mit der grossen kosmischen Śakti, der Maha-Kundalī, und diese verschmilzt wiederrum mit Śiva. Im Laya-Yoga werden fortschreitend alle begrenzten und gesonderten Formen der Erfahrung, das heisst die Teil-Wirklichkeiten, in das ursprüngliche, nicht unterbrochene Ganze zurückgeführt, welches Anuttara ist.

 

Das Endliche breitet sich in das Unendliche aus, der Teilaspekt in das Ganze, das Denkbare und Messbare in das Allmächtige, Ewige und Unendliche. Bei Upāsana wird dieser Vorgang in der Vision vollzogen. Im Zeitaspekt werden Denkorgan – manas und der Körper in den Zustand verwandelt, der für diese Erfahrung geeignet ist. Das ist der Samādhi des Yogas, die Ekstase, das “Heraustreten” des Geistes aus seinen begrenzenden Umhüllungen. Nun transformiert das Bewusstsein zu Purna, der Ganzheitserfahrung. Die Kundalinī ist das Fundament aller Yogapraxis. Sie ist sowohl die gröbste Cit-Form (Bewusstseinsform) als auch das im Mūlādhāra Cakra lebende vierundzwanzigste Tattva.

 

Betrachten wir für einen Augenblick ein Atom der modernen Wissenschaft:

Nach der Elektronentheorie ist das sogenannte Atom ein Miniaturkosmos, der unserem eigenen Sonnensystem stark ähnelt. Im Zentrum dieses Atomsystems existiert eine positiv elektrische Ladung, die von einer negativ geladenen Wolke, den Elektronen umkreist werden soll. Positive und negative Ladungen halten einander in Schach, so dass das Atom als ein Gebilde von ins Gleichgewicht gebrachter Energiezustände imponiert und darum gewöhnlich nicht auseinanderfällt. Doch die Möglichkeit besteht, dass es zerfallen und seine equilibrierten Energievorräte in Freiheit setzen kann.

 

Was stellen wir hier fest?

 

Wir sehen die gleiche Polarität wie von Śiva und Śakti als ein statisches und dynamisches System: die positive Ladung befindet sich zusammengeballt im Ruhezustand im Kern und die negativen Ladungen kreisen rund um dieses Zentrum. Bis jetzt können wir folgende Schlussfolgerung daraus ziehen: Das statische Bewusstsein Śiva spaltet sich als Universum offenbarende Śakti in zwei polare Aspekte – in einen statischen und in einen dynamischen Aspekt. Das besagt, dass man sie nie in dynamischer Form erhalten kann, ohne sie gleichzeitig in ihrer korrespondierenden statischen Form zu erfahren, ähnlich wie die Pole bei einem Magneten.