Tantrische Philosophie

Einführung in den Tantrismus:

 

Ein wissenschaftliches Konzept für Philosophie und Praxis als universale Methode zur Erfahrung des essentiellen Bewusstseins. Das Wort Tantra wird im Kashika-Vritti (der bekannte Kommentar zur Grammatik des indischen Sanskrit-Grammatikers Pānini. ) von der Wurzel tan (sich ausbreiten) mit dem Zusatz tran abgeleitet. Andere führen dieses Wort auf die Wurzel tatri in tantri zurück im Sinn von Vyutpadana (Ursprung oder Wissen).

Pānini war ein indischer Sanskrit-Gelehrter, der wahrscheinlich im 5. oder 4. Jh. v.d.Z. lebte und an der Universität von Taxila lehrte. Er erstellte die älteste erhaltene Grammatik von Sanskrit. Zu dieser Zeit verbreiteten sich in Indien vor allem die Sūtren (Lehrbücher in Versform) als neuer Ausdruck der Philosophie. Pānini fasste die Grammatik des klassischen Devangari oder Sanskrits in knapp viertausend Regeln mit dem Titel „Ashtadhyayi“ (sanskrit: „acht Kapitel“) zusammen. Das Werk wurde in Indien eine richtungsweisende Autorität und vielfach kommentiert.

 

Als Ableitung von tan (sich ausdehnen), bedeutet Tantra jene Schrift, wodurch Jñana (Erkenntnis) verbreitet wird (tanyata). Die angehängte Silbe tra stammt von der Wurzel „retten“. Im Grunde soll jene Erkenntnis, die Freiheit bringt, verbreitet werden.

 

Tantrismus ist ein System mit Praxis, das auf philosophischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Axiomen basiert. In Indien stand und steht die Frage der inneren Bewusstseins-Entwicklung und Selbstverwirklichung seit jeher an erster Stelle vor allen anderen Lebensaspekten. Im Laufe der Jahrtausende wurden weltweit unzählige Systeme mit verschiedenen Kernaussagen hervor gebracht. Die Essenz von Tantra basiert allerdings auf drei thematischen Schwerpunkten:

Das sind Jñana Kanda - Wissen, Karma Kanda - Praxis und Upasana Kanda - Ritual.

 

Tantra ist zum einen wissenschaftlicher Natur und basiert auch auf Khagola-Shastra (Astronomie), Ayurveda (Medizin), Ganitam (Mathematik) und Rasayan-Shastra (Chemie), zum anderen hat es eine hochentwickelte Philosophie und sehr ausgereifte Praxis als Grundlage.

 

Tantra bedeutet auch ganz allgemein Shastra (Abhandlung, Schrift).

 

Die unkorrekte Definition von Tantra als “Liebesschule” oder “Spiritual Sex” ist die westliche Denkweise, der die universale Komplexität von Philosophie und Erfahrung bis jetzt noch nicht gänzlich zugänglich war. Diese ist eine irrtümliche Vorstellung über die Natur der Agamas bzw. Tantras.

 

Die Agamas bzw. die Tantras sind in drei Hauptschulen eingeteilt, je nachdem ob Śakti, Śiva oder Vishnu als Ishtadevata (Hauptgottheit) bzw. göttlicher Aspekt verehrt werden.